Gospel

Man muss aus Stein sein, um nicht berührt werden zu können.

Man muss aus Stein sein, um nicht berührt werden zu können.
von der Journalistin Maria Dohn

Als ich an einem späten Dienstagnachmittag im Januar die Fredens Kirke betrete, unterhalten sich die Leute lautstark und umarmen und küssen sich. Die Atmosphäre ist warm und unbeschwert – ein bisschen wie bei einem Familientreffen, wo sich Cousins, Onkel und Tanten, die sich lange nicht gesehen haben, wiedersehen.

Fast alle Bänke in dem schlichten Kirchenraum sind besetzt, und auf den ersten Blick ist es schwer zu erkennen, dass die vielen Menschen einen Chor bilden, aber eine freundliche Dame zeigt mir, wo sich die Altäre befinden, und ich finde einen freien Platz unter lächelnden Frauen.

Wie das Abklopfen von Rost
Beim anfänglichen Aufwärmen – inklusive einer kniffligen Rhythmusübung, die ein kollektives Gelächter auslöst – fühlt sich meine Stimme an, als würde man ein Schiff vom Rost befreien. Es ist fast zehn Jahre her, dass ich aufgehört habe, in einem Gospelchor zu singen. Nicht, weil ich des Singens müde war, sondern weil ein Vollzeitjob und zwei kleine Kinder meine ganze Energie beanspruchten. Jetzt sind die Kinder erwachsen, und ich habe wieder etwas mehr Freiraum im Alltag (und leider auch in meiner Stimme), und das Singen muss wieder einen Platz in meinem Leben finden.

Der Chor ist groß. Er zählt gut 100 Mitglieder, die überwiegende Mehrheit davon Frauen. Die wenigen Männer – etwa 20 – sitzen im Mittelgang. Unser Chorleiter, Hans Christian, steht hinter einem Digitalpiano und vollbringt mit nur zwei Händen etwas scheinbar Unmögliches: Er spielt und dirigiert gleichzeitig. Aber es funktioniert, und zwar sogar recht gut.

Humor als wichtiger pädagogischer Trick
Jeder hat ein kleines Liedtextheft, und in den nächsten zwei Stunden schaffen wir es, eine ganze Reihe von Liedern durchzugehen. Alle Stimmgruppen erhalten ungeteilte Aufmerksamkeit. Einige singen schon seit vielen Jahren im Chor und kennen die Lieder in verschiedenen Variationen, und gelegentlich entsteht eine angeregte Diskussion zwischen Hans Christian und den Chormitgliedern darüber, wie eine bestimmte Passage gesungen werden soll. Manchmal gerät Hans Christian auch in einen inneren Konflikt.

Hans Christian ist unbestreitbar ein Ausnahmetalent – als Musiker, Komponist und Pädagoge. Wir sind eine Gruppe fröhlicher Laien, und dennoch schafft er es, uns relativ schwierige Lieder zum Singen zu bringen, von denen einige sogar aus seiner Feder stammen. Obendrein ist er ungemein charismatisch. Mit Blick fürs Detail und ohne dabei das große Ganze aus den Augen zu verlieren, lotst er uns gekonnt über die musikalischen Stolpersteine hinweg, oft mit subtilem jütländischem Humor und einer gehörigen Portion Ironie. Mit einem verschmitzten Lächeln neckt und neckt er die einzelnen Chorgruppen den ganzen Abend lang – etwas, das alle mit Fassung tragen, genießen und ihm verzeihen.

Das Evangelium ist Liebe
Als Tochter eines eher lauen Katholiken und einer ebenso überzeugten Protestantin wurde ich oft als absolute Nichtgläubige wahrgenommen, weshalb ich den Liedtexten und ihrem religiösen Inhalt ein ambivalentes Verhältnis entgegenbringe. Ich entscheide mich jedoch dafür, sie als Liebeslieder zu verstehen, als eine Hommage an das Leben, an die Menschen und an alles, was schwer zu begreifen ist. Die großen Gefühle – von Zweifel, Trauer und Sehnsucht bis hin zu tief empfundener Freude und überschwänglichem Jubel – finden in gospel Ausdruck. Für mich ist gospel Ausdruck von Intensität und Inbrunst, und man muss schon ein Herz aus Stein haben, um davon nicht berührt zu werden.    

  • Alle Beiträge
  • Gospel
  • Nicht kategorisiert
  • Nicht kategorisiert